Sonntag, 22. April 2018

(v.l.) Franz-Josef Gründges, die BBVV-Vorsitzende Susanne Asche und Prof. Theo Grütter

 

„Das Ruhrgebiet ist eine Erinnerungsregion“

Prof. Heinrich Theodor Grütter bei der BBVV-Jahreshauptversammlung

 

BORBECK. „Heimat ist ein schwerer Begriff, aber ich benutze ihn gerne“, bekannte Prof. Heinrich Theodor Grütter am Donnerstag, 23. März 2017, beim traditionellen Talk zur Jahreshauptversammlung des Borbecker Bürger- und Verkehrsvereins e.V. (BBVV e.V.) im Saal des Gasthauses Gummersbach. Im Gespräch mit Franz Josef Gründges erörterte der seit 2012 amtierende Direktor des Ruhr-Museums seine ganz eigene Sicht auf ein Phänomen, auf die Region und die „Erinnerungsgemeinschaft an der Ruhr“.

 

Die Rede von der „Heimat“, ein den letzten zwei Jahrzehnten wieder aktuell gewordener Begriff, habe sogar für die Jugend eine neue Attraktivität gewonnen, so der gebürtige Gelsenkirchener und leidenschaftliche Schalke-Fan. Nach einer Zeit der Geschichtsvergessenheit sei die Konjunktur der „Heimat“ Ausdruck für die Verunsicherung in einer globalisierten Welt, stehe für Selbstvergewisserung und Rückbesinnung auf die engere Lebenswelt, auf Familie und Traditionen.

 

„Wir brauchen Erinnerung“

 

„Wir brauchen Erinnerung, sonst sind wir nicht lebensfähig“, so Prof. Grütter, auch wenn die Vergangenheit - oft verklärt - in der Gegenwart zusammenschrumpfe. Erste und wichtigste Erinnerungsgemeinschaft sei und bleibe aber die Familie, erklärte der Historiker. Und Erinnerung sei die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung von Identität: „Man kann ohne sie nicht leben.“ Nicht zuletzt stehe - wie viele gleichartige Initiativen – dafür auch die Arbeit des Borbecker Bürger- und Verkehrsvereins: „Schließlich ist Borbeck als ehemals größtes Industriedorf von ganz Preußen und mit dem Beginn des Tiefbergbaus kein unbedeutender, sondern sehr entscheidender Ort für die Entwicklung der ganzen Region“, unterstrich Grütter.

 

Individuelles und kollektives Gedächtnis

 

Er selbst ist verantwortlich einen der zentralen Erinnerungsorte im „Revier“. Als Chef des vormaligen Ruhrlandmuseums arbeitet er sich in der heute von der Stiftung Ruhr Museum getragenen ehemaligen Großzeche „Zollverein“ an einer überdimensionalen „Gedächtniskapsel“ ab, deren Bedeutung weit über die Region hinausreicht, so Grütter: „Das Zeitalter der Kohle ist eine europäische Geschichte“, stellte er klar, eine Epoche, deren Bild sich nicht nur auf die Zeugnisse der materiellen Kultur stützten. Sogar Gerüche und die Akustik einer Industrieregion seien wesentliche Erinnerungsmomente für das individuelle, aber auch kollektive Gedächtnis, erklärte er in lebhaftem Vortrag. Zu den zahlreichen Beispielen, an denen er dies exemplarisch festmachte, zählten die Geschichte der Emscher, die Bedeutung der Vertriebenen oder die ausgeprägte Sesshaftigkeit der Menschen in der Region, deren Geschichte wie kaum eine andere von der Schwerindustrie geprägt war.

 

„Doch 2018 ist die Kohle weg“, erinnerte Grütter an den mit finalem „Glückauf!“ geplanten Abschied vom Karbon - in einer Landschaft, die inzwischen für einen rasanten Wandel stehe. Hier setzen die Wissenschaftler des Ruhr-Museums an, die sich mit ihrer aktuellen Suche nach Erinnerungsorten in der Region auf die in den 1980er Jahren in Frankreich begonnenen Untersuchungen zu „Lieux de mémoire“ (Pierre Nora) berufen. Gerade das „Revier“, das niemals politische oder geografische Einheit gewesen sei, sei hier mit den Fragen nach Zugehörigkeiten zwischen Rheinland und Westfalen und 260 Religionsgemeinschaften ein spannendes Forschungsgebiet.

 

Gemeinsam dem Wandel nachspüren

 

Eine Arbeit, für die gerade im Ruhrgebiet die Mitwirkung vieler gefragt sei, erklärte Prof. Grütter und lud herzlich zur aktiven Beteiligung am Projekt „Zeit-Räume Ruhr“ (www.zeit-raeume.ruhr) ein, das den anhaltenden wirtschaftlichen und sozialen Wandel des Ruhrgebiets nachzeichnen will und in Verbindung von Regionalverband Ruhr mit der „Stiftung Geschichte im Ruhrgebiet“ und anderen Partnern gestartet wurde. Alle Revierbürger sind dabei aufgerufen, ihre Erinnerungen an das Ruhrgebiet miteinander zu teilen. Online werden bis zum Jahresende 2017 Fotos und Texte gesammelt, die anschließend ausgewertet und veröffentlicht werden sollen.


 

BBVV-Jahreshauptversammlung

 

Dem großen Applaus für die ansteckende und lebendige Rede fügte die BBVV-Vorsitzende Susanne Asche ihren ganz persönlichen Dank an Prof. Grütter und Franz Josef Gründges gerne hinzu. Sie hatte im formalen Teil der Jahreshauptversammlung zuvor einen Überblick zu den vielfältigen Aktivitäten gegeben, von denen das vergangene BBVV-Geschäftsjahr geprägt war.

 

Neben der Fotoausstellung „Auf den Spuren der Äbtissin", dem Gespräch mit der Essener Bau- und Umweltdezernentin Simone Raskob zur „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ bei der Mitgliederversammlung und der Borbecker Maienmahlzeit mit den Ruhr 2010-Geschäftsführern Fritz Pleitgen und Prof. Dr. Oliver Scheytt lockte auch das zweite „Fest der Fürstin“ viele Besucher. Gemeinsam mit dem Förderverein Schloß Borbeck wurden das Arenafest zum 20jährigen Bestehen der neugestalteten Dubois-Arena, die gemeinsame Exkursion nach Thorn/Niederlande, der Historische Schloßtag, der 4. Borbecker Martinszug durch den Schlosspark und der 22. Borbecker Weihnachts-Markttag durchgeführt.

 

Jahresbilanz und Ausblick

 

Ebenfalls zur Jahresbilanz 2016 zählten der inzwischen mehrfache Einsatz des „Borbecker Bollerwagens“ (BOBO) als „Anstifter" für ein sauberes Borbeck sowie die mit dem Kultur-Historischen Verein geplante Aufstellung einer Erinnerungstafel zum Panzerbau 3 an der Ecke Weidkamp / Grasstraße. Erfreuliches Echo, so Susanne Asche, fanden zehn Termine des „Bürgerdialogs" als regelmäßige monatliche Bürgersprechstunde im Stützpunkt des SPZ des Philippusstifts. Beteiligt ist der BBVV an der denkmalgerechten Entwicklung des Schlossparks Borbeck, ein neuer Schaukasten („i-Punkt Borbeck") informiert ab April 2017 auf dem Höltingplatz über Termine und Angebote zum kulturellen und sozialen Leben. In Vorbereitung, so Susanne Asche, ist ein Runder Tischs „Wohnen in Borbeck“ und Kontaktgespräche mit den verschiedenen beteiligten Partnern. Und für das laufende Jahr ist einiges an weiteren spannenden Terminen zu erwarten.

 

Die zu den Finanzen des aktuell 221 Mitglieder zählenden Vereins von Schatzmeisterin Frau Schilli-Frank vorgetragenen Daten zeigen ein positives Bild. Die Kassenprüfer Thomas Jörgens und Jörn Meissner fanden keinen Grund zur Beanstandung und stellten den positiv beschiedenen Antrag zur Entlastung der Schatzmeisterin und des gesamten Vorstands. Zu neuen Kassenprüfern wurden Jörn Meissner und Andrea Korytowski gewählt, Pater Otto Nosbisch ist zum neuen Mitglied im Beirat bestellt. Auch die notwendigen Änderungen für die im vergangenen Jahr beschlossene Neufassung der Vereinssatzung wurden einstimmig verabschiedet.

 

 

Ausblick auf Termine 2017

24.05.: „Borbecker Maienmahlzeit“ mit den Ehrengästen Prof. em. Heinz-Elmar Tenorth und P. Klaus Mertes SJ. Anmeldung bei Franz Josef Gründges, Borbecker Straße 265, 45355 Essen, Tel. 0201 / 68 38 09, Fax 0201 / 68 95 90, E-Mail: f.j.gruendges@gmx.de.

02.07.: „Fest der Fürstin“ im Schlosspark Borbeck ( 15.00 - 18.00 Uhr)

10.09.: „Macht und Pracht im Schlosspark Borbeck“ am Tag des offenen Denkmals (Grüne-Hauptstadt-Projekt)

13.09.: Exkursion nach s´-Heerenberg mit dem Förderverein Schloß Borbeck

17.09.: Arenafest (60 Jahre Dubois-Arena)

09.11.: 4. Borbecker Martinszug

03.12.: 22. Borbecker Weihnachts-Markttag

Termine Bürgerdialog: 08.05., 12.06., 11.07., 11.09., 09.10., 13.11., jeweils 16-17 Uhr im „Stützpunkt“ des SPZ und nach Ankündigung