Sonntag, 19. November 2017


 
 
Macht und Pracht in Borbeck
Tag des offenen Denkmals am 10. September 2017 im Schlosspark Borbeck
 
ESSEN-BORBECK. Der Schlosspark Borbeck lässt am Sonntag, 10. September, Geschichte lebendig werden: Zum bundesweiten 25. Tag des offenen Denkmals ist er von 15-18 Uhr die Kulisse für historische Spielszenen, die an eines der letzten großen Ereignisse in der Geschichte des Stiftes Essen erinnern: Fürstäbtissin Maria Kunigunde von Sachsen, Prinzessin von Polen, Litauen und Sachsen, wird mit ihrem höfischen Gefolge den Königlich Geheimen Rat Reinhard Friedrich von Schlechtendahl empfangen. Im Auftrag von Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. traf der Klevische Gerichtsrat im Juli vor 230 Jahren in der Borbecker Residenz ein, um den Erbschutzbrief mit dem Stift Essen aus dem Jahre 1495 zu erneuern. Nun laden der Borbecker Bürger- und Verkehrsverein (BBVV) und der Förderverein Schloß Borbeck herzlich dazu ein, den Schlosspark Borbeck als einen der Schauplätze dieser Begegnungen damals neu zu entdecken.

Besuch im abteilichen Lustschloss
 
In den Szenen folgen die Schauspielerinnen und Schauspieler des Kulturzentrums Borbeck und des Theater Extra dem zeitgenössischen Bericht von Baron Schlechtendahl an „Ew. Königliche Majestät“ aus dem Jahr 1787. Detailgenau berichtet er darin von der mit zwei Begleitern unternommenen Reise und beschreibt die Tage seines Aufenthalts in Borbeck. Bereits zum Zwischenaufenthalt in Dinslaken war er am Sonntag, 1. Juli, von den Bürgermeistern und Abgesandten des Essener Magistrats abgefangen worden, die dadurch noch vorher ihre „schuldigen Ehrfurcht“ bezeugen wollten. Der Grund: Die Stadt selbst war mit ihrer unbewohnbaren Burg nicht das Ziel der Fahrt – die Fürstin hatte zum Akt der Schutzbrief-Erneuerung für Montag und Dienstag, 2./3. Juli, auf ihr „abteiliches Lustschloss“ nach Borbeck geladen.

An der Stiftsgrenze wurde die über Oberhausen anreisende Delegation am Montagmorgen von Schüssen und den Inhabern der fürstlichen Hofämter Erbmarschall, Erbmundschenk, Hofrat und Sekretär empfangen. Rund 300 bewaffneten Untertanen des Stifts standen in Abteilungen Spalier. Gegen Mittag trafen fünf zumeist sechsspännige Kutschen am von 20 fürstlichen Soldaten mit Hauptmann und Leutnant bewachten Schlosstor in Borbeck ein. Schlechtendahl erhielt das
im Schloss vorbereitete beste Zimmer und die seit 1776 regierende Fürstin empfing den preußischen Beauftragten „mit besonderer Leutseligkeit und Gnade“ in ihrem Audienzzimmer. Damit begann ein Besuch, der länger als geplant ausfallen sollte.

In allen Einzelheiten schildert der Bericht des Barons das höfische Zeremoniell bei Tisch, die Sitzordnung und seine besondere Berücksichtigung zwischen den Stiftsdamen und Amtsträgern, aber auch die Gesprächsthemen. Immer wieder stellt er die Fürstin (Bild rechts, Gemälde von Pietro Antonio Conte Rotari, ca. 1755) als besonders aufmerksame und zuvorkommende Gastgeberin heraus, die mit ihm Karten spielt, einem Konzert lauscht und mit ihm soupiert. Für den Nachmittag wurde eine „Promenade in den überaus anmutigen, auf englische Art angelegten Schlossgarten vorgeschlagen und vorgenommen, wobei Fürstliche Hoheit beständig mir zur Seite zu gehen und mir die vielen vortrefflichen Anlagen in demselben Höchstselbst zu zeigen die Gnade hatten“, so der klevische Gerichtsrat.

 
Festliches Zeremoniell
 
Der folgende Dienstag stand ganz im Zeichen des formalen Aktes der Erneuerung des seit fast 300 Jahren bestehenden Erbschutzbriefes, der nach dem Aussterben der Herzöge von Kleve und Berg auf die Brandenburger Kurfürsten und späteren preußischen Könige übergegangen war. Trotz kurzfristig am Morgen noch auftauchende Streitfragen über die Berücksichtigung der ebenfalls eingetroffenen Landrichter an der fürstlichen Tafel und über die Notwenigkeit einer formellen Eidesleistung von Seiten des Stiftes nahm die förmliche und feierliche Prozedur ihren Gang: In festlicher Livree traten alle Hofämter an, die einzeln genannten Capitularinnen in Stiftsornat, Beamte, Hofrat, Leibarzt und Geistliche, Landrichter und ein Kommandeur des Deutschen Ordens. Mitten unter ihnen die Fürstliche Hoheit selbst, an die sich Baron Schlechtendahl „in feierlicher Stille“ mit einer Ansprache richtete. Er selbst überreichte seine Vollmacht, die wie das Original des ursprünglichen Schutzbriefes laut verlesen wurde, leistete wie seine Begleiter den Eid und wechselseitige schriftliche Bestätigungen wurden ausgetauscht.
 
Trinksprüche auf den Preußenkönig
 
Angeregte Unterhaltungen prägten ein anschließendes Festessen mit den Stiftsdamen. Die Fürstin brachte einen Trinkspruch auf den Preußenkönig aus, weitere Trinksprüche galten ihrem eigenen Wohl und dem ihres Bruders, des Kurfürsten von Trier, dem Kapitel und der Gesundheit des Barons. Nach dem Kartenspiel ging es wieder auf einen Spaziergang durch den Park. Hier ließ die Fürstin „in einer besonders dazu ausgesuchten, angenehmen Gegend des Gartens ein großes Konzert veranstalten“. Ein Abendessen, „welches wieder mit großer Pracht zubereitet war“, wie der Bericht vermerkt, beschloss den Tag.
 
Vergnügungen im Schlosspark
 
Am folgenden Mittwoch wollte der preußische Beauftragte zwar wieder nach Kleve zurückreisen, doch die Fürstin bat ihn noch zu bleiben: Die ganze Festgesellschaft traf sich zur Mittagstafel und spazierte am Nachmittag durch den Park, wo Maria Kundigunde „abwechselnde Vergnügungen“ vorbereitet hatte. Dazu gehörte ein Zielschießen auf einen Hirsch, der an Seilen auf der gegenüberliegenden Seite des Bachs entlanggezogen wurde. „Ihre Fürstliche Hoheit schossen selbst mit“, so der Bericht.

Nach dem obligatorischen Abendessen der Festgesellschaft lud die Fürstin am Donnerstag, 5. Juli, zu einer Abschiedsaudienz: „Ihre fürstliche Hoheit waren dabei ganz besonders gnädig“, vermerkt Baron Schlechtendahl, „und bezeigten mir zu wiederholten Malen ihre vollkommene Zufriedenheit mit meinem Betragen und der Ausführung des mir aufgetragenen Geschäftes, ersuchte mich auch angelegentlich, Ew. Königl. Majestät von der großen Hochachtung, die sie von allerhöchstdero Person hätten, zu versichern.“ Sie bedankte sich persönlich mit einer kostbaren Schnupftabakdose, Oberhofmeister Graf von Aicholt spazierte mit ihm durch den Park, die Fürstin zeigte holte ihn dort ab und zeigte ihm ihre Privatgemächer, speiste mit ihm zu Mittag und eine Parade von Hofämtern und Soldaten begleitete seinen Abschied. Währenddessen freuten sich die Diener und Lakaien über ein ordentliches Trinkgeld für ihre Dienste.
 
 
Borbeck und weltpolitische Themen
  
Die Tage vor 230 Jahren werfen einen Blick in eine turbulente Zeit: Die jungen Staaten in Nordamerika arbeiten an ihrer Verfassung, die noch im selben Jahr veröffentlicht werden sollte, die Monarchie in Frankreich zeigte sich höchst instabil, Goethe ist auf seiner Italienreise, die Karriere von Mozart am Wiener Hof nahm Fahrt auf. Und die Preußen rüsteten für einen Einmarsch in Holland: In den Tagen des Treffens in Borbeck, am 3. Juli 1787 ließ der preußische König Friedrich Wilhelm II. Truppen in Kleve zusammenziehen, um in den Sieben Vereinigten Provinzen zu intervenieren. Seine Schwester Wilhelmine von Preußen, von ihrem Mann und dem von der Ständeversammlung abgesetzten Erbstatthalter Wilhelm V. von Oranien zur Regentin ernannt, war nur wenige Tage zuvor, am 26. Juni 1787, auf einer Reise nach Den Haag von den aufständischen „Patriotten“ festgesetzt worden.
 
Dies bestimmte auch die Gesprächsthemen auf Schloss Borbeck, wie in dem Bericht von Baron Schlechtendahl deutlich wird. Er vermerkt in seinem Bericht an den König zur Reaktion der Fürstin, die offensichtlich gut informiert und über die politischen Ereignisse im Bilde war: „Besonders äußerten Hochdieselben ihre innigste teilnehmende Empfindung über den eben zu der Zeit Ew. Königl. Majestät durchlauchtigsten Frau Schwester, der Erbstatthalterin Prinzessin von Oranien, auf der Reise nach den Haag widerfahrenen Frevel.“ Die Konsequenzen werden den Gesprächspartnern durchaus bewusst gewesen sein: Es drohten französische Interventionen, Großbritannien ermunterte zu einem militärischen Eingreifen Preußens und sagte Unterstützung zu. Einem nicht erfüllten Ultimatum Preußens folgte im September 1787 schließlich der Feldzug und die Stationierung preußischen Militärs in den Niederlanden. Der Plan, ein großes Zukunftsbündnis der agierenden Mächte zu schließen, brach allerdings nur wenige Jahre später zusammen: Die Französische Revolution stellte ab 1792 die alte Welt auf den Kopf. Zehn Jahre später endete mit der Säkularisierung 1802 auch Maria Kunigundes Regierungszeit als Fürstäbtissin in Essen und Thorn.
 
Musikalische Promenade durch den Park
 
Wenn der Borbecker Bürger- und Verkehrsverein (BBVV) und die Fördervereine Schloß Borbeck nun am 10. September zum Tag des offenen Denkmals in den Schlosspark einladen, werden diese Zeiten wieder lebendig. Fürstäbtissin Maria Kunigunde von Sachsen wandert gemeinsam mit ihrem Gefolge und den Zuschauern von der Hauptbühne hinter dem Schloss zu den weiteren Spielstationen im Park. Begleitet vom Jagdhornbläserkorps „Leo Fehrenberg“ werden die Besucher bei der etwa einstündige Promenade zur Musik von einzelnen Klanginseln spannende Details zur Geschichte des Schlossparks entdecken. Banner mit historischen Motiven zeigen Impressionen von nicht mehr vorhandenen historischen Orten wie der künstlichen Ruine, von Kaskaden, Teehäuschen und Gondelteich.
 
Schlosspark neu entdecken
  
Mit ihrem Beitrag zum Grüne-Hauptstadt-Jahr unterstreichen BBVV und Förderverein Schloß Borbeck die mit dem Parkpflegewerk begonnene bedeutende denkmalpflegerische Aufwertung des Parks als historisches Gartenkunstwerk. Das Projekt „Mein Schlosspark – Macht und Pracht in Borbeck“ soll über die Veränderungen und prägenden Orte des Denkmalparks sowie über das Parkpflegewerk informieren und durch ein Parkerlebnis mit allen Sinnen die emotionale Verbindung zwischen Nutzer und Park nachhaltig stärken. Ein von Borbecker gemeinnützigen Einrichtungen („Flotte Socken“ e.V., „Traumcafé“ der Traugott-Weise-Schule) gestaltetes gastronomisches Angebot im Bühnenbereich und ein kleines musikalisches Bühnenprogramm (Folkwang-Musikschule, Jagdhornbläsercorps) ergänzen das Parkerlebnis und laden zu Gespräch und Begegnung ein.

Begleitend ist mit Unterstützung des Ruhr Museums eine Ausstellung von historischen und aktuellen Fotos und Bildkarten in der Neuen Galerie geplant. Sie wird bis Ende September für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Ein Informationsstand der beteiligten Vereine knüpft an die Borbecker Tradition der Baumspenden nach dem Sturmtief Ela 2014 an und zeigt Möglichkeiten auf, wie man sich nachhaltig für die Wahrung und Pflege des Parks zum Beispiel durch Übernahme von Patenschaften für bestimmte Parkpflegebereiche einsetzen kann. Das um 15 Uhr mit Jagdhornmusik am Schlosstor eröffnete Fest endet nach der Rede der Fürstin, einem Grußwort von Oberbürgermeister Thomas Kufen und der Verabschiedung durch die BBVV-Vorsitzende Susanne Asche gegen 18 Uhr.