Montag, 24. September 2018

Kleine Bildimpressionen von der Jahreshauptversammlung des Borbecker Bürger- und Verkehrsvereins e.V. vom 22. März 2018 - eine spannende Debatte zum Thema "Heimat" mit jungen Borbeckerinnen und Borbeckern ...


BBVV: „Heimat für alle“

Von der BBVV-Jahreshauptversammlung

 

BORBECK. Die Formalien waren zügig erledigt: Mit einem einstimmig bestätigten Leitungsteam geht der Borbecker Bürger- und Verkehrsverein e.V. (BBVV) in die nächste Amtsperiode. Das entschied die Jahreshauptversammlung unter dem Vorsitz von Susanne Asche am 22. März 2018 im Restaurant Gummersbach. Wiedergewählt zum 2. Vorsitzenden wurde Dr. Christof Beckmann, Franz Josef Gründges führt die Aufgabe des Geschäftsführers fort, Dagmar Schilli-Frank die Aufgabe der Schatzmeisterin. Im Beirat wurden Fritz Brüggemann, Walter Frosch, Angelika Kleine-Möllhoff, Pater Otto Nosbisch und Margarete Roderig bestätigt. Neu in den Beirat gewählt ist Christoph Winkler, der sich der Versammlung vorstellte.

 

Erfolgreiche Bilanz für 2017

 

Die Finanzen sind wohlgeordnet, allerdings mit einer schrumpfenden Mitgliederzahl, wie die Schatzmeisterin deutlich machte: Von über 300 Mitgliedern ging es in den letzten Jahren auf derzeit 202 zurück – ein klarer Auftrag nicht nur an den Vorstand, sondern auch an alle Mitstreiter in der 1910 gegründeten Bürgerinitiative für Borbeck. Dabei zeigte der Rechenschaftsbericht für 2017 ein umfassendes Pensum für den größten Essener Stadtteil: Von der Mitgliederversammlung 2017 und der traditionelle Talkrunde mit Prof. Heinrich Theodor Grütter (Ruhr Museum) über die 33. Borbecker Maienmahlzeit 2017 mit den Ehrengästen Prof. Elmar Tenorth und Jesuitenpater Klaus Mertes in der Dampfe ging es im Sommer mit dem Förderverein Schloß Borbeck zum III. „Fest der Fürstin“. Beim bunten Spektakel rund um die junge Fürstäbtissin Elisabeth van Berg-s´Heerenberg waren die Borbecker Schützen, das Schönebecker Jugendblasorchester, das Borbecker Vokalensemble und viele weitere Borbecker Akteure mit von der Partie.

 

Viele Besucher lockte auch das eigene Grüne-Hauptstadt-Projekt unter dem Titel „Macht und Pracht im Schlosspark Borbeck“ am Tag des offenen Denkmals im September an. Inszeniert wurde es mit dem Theater Extra, dem Jagdhornbläserkorps Leo Fehrenberg, dem Borbecker Hegering und weiteren Borbecker Kulturträgern. Beteiligt war der BBVV am Historischen Schlosstag des Fördervereins Schloß Borbeck, Mitte September bei dessen Arenafest und im November am 5. Borbecker Martinszug. Eine Exkursion mit dem Schloß-Förderverein führte im September auf den Spuren der Fürstäbtissinnen nach Ulft und Schloss s´Heerenberg und zum 1. Advent stand mit dem Initiativkreis Borbeck (CeBo) der inzwischen 23. Borbecker Weihnachts-Markttag auf dem Programm, an dem sich wieder rund 40 Initiativen beteiligten.

 

Projekte zur Stärkung des Dialogs in Borbeck

 

Einen regelmäßigen Einsatz forderten über die kontinuierliche Mitwirkung an der denkmalgerechten Entwicklung des Schlossparks Borbeck (Parkpflegewerk) hinaus mehrere Projekte zur Stärkung des Dialogs und Zusammenlebens in Borbeck: Der „Bürgerdialog“ als regelmäßige monatliche Sprechstunde im „Stützpunkt“ des Sozialpsychiatrischen Zentrums am Germaniaplatz fand an zehn Terminen statt und wird seit Februar als Teil der monatlichen „Borbecker Beratungswoche im SPZ“ durchgeführt. Mehrfach gab es Säuberungsaktionen mit dem „Borbecker Bollerwagen“ (BOBO) im Zentrum und dem Mehrgenerationenpark, zuletzt eine größere Aktion am 10. März 2018 im Rahmen des jüngsten Essener „SauberZaubers“. Alle Termine und Hinweise können seit April 2017 einem neuen Schaukasten entnommen werden, der mit der Bezirksvertretung auf dem Höltingplatz aufgestellt werden konnte. Im begonnenen Geschäftsjahr, so Susanne Asche, werden die Schwerpunktthemen Sauberkeit und Wohnen in Borbeck fortgesetzt, auch soll die „Marke Borbeck“ durch ein gemeinsam mit mehreren Partnern entwickeltes neues Internetportal gestärkt werden.

 

Heimat aus dem Blick der Jugend

 

Doch lohnt der Einsatz für die Menschen im direkten Lebensumfeld, für den Stadtteil und die Region? Werden sie überhaupt als wichtig und - gar von der Jugend - als Bezugsgrößen, und als „Heimat“ aufgefasst? Diesen Fragen näherte sich im Anschluss an die Jahreshauptversammlung eine Talkrunde, die in ihrer Zusammensetzung und breiten Debatte sicher besonders war: Mit Halime Kabacan, Marie Pflüger, Max Fahnenbruch und Tom Hengst brachten zwei Schülerinnen des Mädchengymnasiums Borbeck (MGB) und zwei Schüler des Don Bosco Gymnasiums (DBG) ihre Sicht auf das Thema „Heimat“ ein. In eine breite, komplexe, schillernde und gar nicht so einfache Materie, wie im Gespräch mit Franz Josef Gründges und Christof Beckmann schnell deutlich wurde.

 

Heimat: Schwieriger Begriff

 

Zeiten, in denen „Heimatministerien“ aus dem Boden gestampft werden, muten seltsam an – zumal bei denen, die sich sehr gut erinnern, dass der Begriff jahrzehntelang ein „No Go“ war. Zu sehr klangen darin unselige Zeiten an, in denen Wort und Bedeutung fürchterlich missbraucht wurde. Keine Frage also, dass auch diese Debatte den Weg eines solchen schwierig zu fassenden und vielfach aufgeladenen Begriffs abschreiten musste: Von der romantischen Aufladung des 19. Jahrhunderts über die ausgeprägte Migrationsgeschichte der Region und die nationalistischen Ausdeutungen bis zum schwierigen neuen „Vaterland“ für viele Millionen, die als Heimatvertriebene nach dem Krieg nach Westdeutschland übersiedelten – zahllose Aspekte einer eingrenzenden und ausgrenzenden „Liebe zur Heimat“ kamen zur hier Sprache. Sie zeigte sich in der Diskussion als zeitgebundene, individuelle und kollektiv verstärkte und zugleich problematische Realität, raumgebunden und doch ausgreifend in einzelnen Lebensverläufen und Familiengeschichten – nicht zuletzt in den Wanderungsbewegungen unserer Zeit.

 

Was ist Heimat?

 

„Nicht Borbeck, sondern Essen und das Ruhrgebiet sehe ich als meine Heimat“, hieß es etwa, gerne singe man die Nationalhymne bei Fußballspielen oder sehe sie angesichts der deutschen Geschichte andererseits als problematisch an. Viele Aspekte im direkten Lebensumfeld stünden symbolhaft für ein oft unbestimmtes Gefühl von Heimat, das sich auch wie die Liebe zu einem Fußballverein nicht ändere – und „sei er noch so abstiegsgefährdet“. Vor allem aber seien es die familiären und persönlichen Beziehungen, die dieses seltsam zu fassende Gefühl formten, wo man seine Leute treffe, seine Freunde und mit ihnen gemeinsame Erfahrungen teile. „Es ist der Raum, in dem man sich wohlfühlt, sich sicher und zu Hause fühlt“, so eine Feststellung. Wo dies nicht gegeben sei, scheitere allerdings zugleich die Ausprägung eines solchen Gefühls: „Wenn Du Dir Sorgen machen musst, wenn Du abends allein hier unterwegs bist, ist das aber schon einigermaßen hinderlich.“

 

Heimatlosigkeit erfahren

 

Dass der Heimat-Begriff eine Renaissance erlebe, sei sicher darauf zurückzuführen, dass er einen Gegentrend zur Globalisierung markiere: „Wenn du immer und überall erreichbar bist, Nachrichten aus aller Welt auf dich einströmen, spürst Du schnell ein Gefühl der Heimatlosigkeit. Da suchst du natürlich einen Ort, der übersichtlich ist, einen anderen, kleineren Maßstab“, so eine Einlassung aus dem Kreis des mitdiskutierenden Plenums. Hier lägen auch die Chancen eines identitätsstiftenden Stadtteils – zumal angesichts der realen Heimatlosigkeit vieler Menschen, deren Heimat genommen und zerstört sei und die auf Suche nach neuer Heimat seien. „Hier brauchen wir eine neue, positive Besetzung des Begriffs und seines Inhalts“, so die Schüler, die aus ihren Erfahrungen mit Menschen berichteten, die durch ihren Heimatverlust den hoch komplexen Begriff von Heimat oft erst greifbar machten. Hier gelte es vor allem, auf den integrativen Aspekt zu setzen – über soziale oder Herkunftsfragen hinweg. „Man muss sich mit Respekt begegnen, auch wenn man erst mal Schwierigkeiten miteinander hat.“

 

Begegnung schaffen

 

Hervorragende Gelegenheiten dazu seien zum Beispiel große Feste, bei denen man sich besser kennenlernen könne, hieß es - etwa auch mit Blick auf das Schönebecker Maifest. Wenn sich ein ganzer Stadtteil treffe, wenn man aufeinander zugehe, viele Erlebnisse teile und gute Erfahrungen mache, könne ein neues Bewusstsein entstehen: Vielen Fremden könne man viel näher sein, wenn man sie schlicht kennt. Nicht zuletzt sei auch die Aktivierung von Nachbarschaften und gegenseitiger Hilfe ein probates Mittel, um das Miteinander und ein Wir-Gefühl zu in überschaubaren Lebensräumen zu stärken, hieß es aus dem Kreis der Schüler. Nicht zuletzt, so die Debatte, ermögliche die Begegnung immer auch eine entscheidende Möglichkeit zu erfahren, wer man selber sei – ob im unmittelbaren Lebensumfeld zu Hause oder in der weiten Welt: Kulturelle und sprachliche Kompetenz stärkten eine größere Offenheit – ein sicher entscheidendes Kriterium für ein stärkeres Miteinander.

 

Die Mitgliederversammlung dankte für die gut einstündige konzentrierte Diskussion mit großem Applaus. Und die Antwort auf Nachfrage der anwesenden Presse unterstrich, dass noch viel Vernetzungsarbeit im Stadtteil zu tun sei, damit Heimat und gemeinsame Identität für alle möglich wird: „Wir als BBVV sind grundsätzlich für alle da, die hier leben, gleich wo sie herkommen“, betonte Susanne Asche. „Und das wird zunehmend eine Aufgabe, wie wir Begegnung möglichst vieler möglich machen. Damit ein Wir-Gefühl und Gemeinschaft für alle entsteht.“