Montag, 18. November 2019


Mehr als Tingeltangel im Schloss
Förderverein Schloss Borbeck lud zu „Muse und Menü"

BORBECK. Genau auf den Tag vor 90 Jahren drehten die Börsen weltweit durch. Am „Schwarzen Freitag“, 24. Oktober 1929, platzte der Traum vom ewigen Wohlstand wie die gigantische Spekulationsblase, Panik brach an den Börsen aus, die Nerven der Anleger lagen blank, Vermögen wurden ins Bodenlose gerissen, Aktien lösten sich in Luft auf, Wirtschaftsunternehmen, ganze Währungen und Volkswirtschaften brachen in sich zusammen, eine gigantische Inflation und Arbeitslosigkeit spülte Radikale und Extremisten an die Macht. Die überschäumende Partylaune der Belle Epoque und des Kaiserreichs war Geschichte, die „schöne Welt ging in Fransen“ und wich dem Tanz auf dem Vulkan.

Entführung in eine zerrissene Zeit

Just exakt 90 Jahre nach dem Chaostag lud der „Schloss Borbeck  e.V., Förderverein für Schloss, Park und Arena“ zum jährlichen Event „Muse & Menü“. Und hatte dazu die Schauspielerin Jutta Seifert eingeladen, die im Festsaal des Schlosses mit dem kongenialen „Wunderhorn Quartett“ in eine zerrissene Zeit entführte. Rund 150 Gäste konnten sich die begehrten Karten sichern und tauchten ein in die bunte und schrille Welt des Cabarets. Urplötzlich fanden sie sich hinter den brüchigen Kulissen mondäner Etablissements der „Goldenen Zwanziger“ und Schloss Borbeck verwandelte sich in das Varieté „Zum goldenen Kaktus“: Auf ihrer Tournee zwischen Berlin und Paris machte Mademoiselle Julie mit ihrer kleine Tingeltangelgruppe Station in Essen. Lebensmutig überdreht und traurig zugleich, verbindet sie alle ein ungewisses Schicksal. Und sie markieren unter dem Revuetitel „Schöne Welt, du gingst in Fransen“ die Zweideutigkeiten ihrer Zeit: Die Liedzeile steht für die Überwindung von Konventionen, Aufbruch und Freiheit, Armut und Verschwendung, Ekstase, Not und Verzweiflung, Lebenslust, Rausch, Resignation und Radikalisierung, Sehnsucht und Zusammenbruch – sie stürzen in eine Gefühlslage, der man nur mit Mut und anarchischem Witz entrinnen kann.

Vibrierende Rhythmen

Und sie tun es: Den treibenden Rhythmus dazu liefert im glitzernden Fransenlook das Saxophon-Quartett mit Katharina Betten (Sopran-Saxofon), Lena Schäfer (Alt), Olivia Alam (Tenor) und Viktor Wagner (Bariton). Sie verpassen den Schlag auf Schlag folgenden Musiknummern mit dem bereits damals bekämpften Kultinstrument des Jazz einen vibrierenden Sound: Ihre perfekt interpretierten Tango- und Charleston-Arrangements gehen ins Bein und konfrontieren mit neu inszenierten Klassikern, deren Nonsense-Texte durch die Comedian Harmonists bis heute unvergessen sind. Doch bläst sich die gut aufgelegte, spielfreudige und perfekt abgestimmte Truppe nicht nur durch Titel, die schon dem inflationsgeplagten Reviermensch der 1920er Jahre durch den Tag halfen: Die vier „Wunderhörner“ stürzen sich in die schrillen Klangkaskaden von Kurt Weill ebenso wie in orchestrale Klassiker von George Gershwin.

Rausch und Lebensmut

Den rauschhaften Tingeltangel moderiert die zwischen Selbstbewusstsein und Melancholie schwankende Mademoiselle Julie (Jutta Seifert), schon mehrfach in Schloss Borbeck zu Gast: Sie spielt eine mit den Abgründen des schönen Scheins vertraute Frau, die auf den armseligen Brettertheatern der Provinz von den Bühnen der großen Metropolen träumt und heimatlos nach Halt sucht. Gegen die Regeln der Welt setzt sie ihre Hoffnung von der Vorläufigkeit der Verhältnisse, kämpft um Bestätigung und Anerkennung. Mal frivol, mal hart, mal als hauchende Diseuse, rezitierend und singend, mit einem Lebensmut, der mit dem „Schwarzen Freitag“ jäh zu brechen scheint: Viele Theater müssen schließen, nicht nur das Geld hat seinen Wert verloren. Mit großer Geste wirft sie die Milliarden-Banknoten ins viel applaudierende Publikum auf Schloss Borbeck. Und lacht – das Leben muss weitergehen.

Ein Abend, der bei aller überschäumenden Lebenslust zugleich auch betroffen zurücklassen musste – ein Panoptikum einer Zeit, deren  bedrängende Aktualität zwischen Kürbiscrémesüppchen, Tafelspitz vom Weideochsen und Panna cotta vielen allzu deutlich wurde. Für den Förderverein Schloss Borbeck war die Verpflichtung der Künstler ein großartiger Griff. Er verspricht für das nächste Jahr am 9.Oktober 2019 ein nächstes Highlight: Es wird ein Abend, der ganz der Welt des bissigen Satirikers Wilhelm Busch gewidmet sein wird, wie Franz Josef Gründges für die Gastgeber ankündigte. Man darf sicher gespannt sein.

CB, www.borbeck.de / Bilder: Walter Frosch